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21.04.2010

Ein Besuch bei Pater Jose in Thiruvananthapuram, Indien


Ein Besuch bei Pater Jose in Thiruvananthapuram, Indien
Ein Reisebericht von Michèle Heeb, im Frühling 2010.

Sich auf Indien vorbereiten, ist unmöglich. Und unnötig. Es ist sowieso anders als man es sich vorstellt. So erging es jedenfalls mir als ich Ende April 2009 nach Indien flog, um in New Delhi, Indiens Hauptstadt, ein Praktikum zu machen. Es war anfangs nicht einfach, sich in dieser riesigen und fremden Stadt zurechtzufinden, aber ich habe mich schnell an das Leben und Arbeiten in Delhi gewöhnt: Irgendwann wurden die morgendliche Fahrt mit der Autorikscha zur Arbeit, die Putzfrau, die jeden Tag unser Geschirr spülte und die Kleider wusch, das Mittagessen aus Reis, Dal, Curry und Chappathi, all diese Leute jederzeit und überall, ja ganz Delhi zu meinem Alltag. Ich habe mich trotz Hitze, Dreckluft und Kulturschock sehr wohl gefühlt.

Nach Abschluss meines Praktikums bereiste ich im Herbst zusammen mit Madeleine, einer Freundin von mir, den Süden dieses riesigen Landes. Bei dieser Gelegenheit wollte ich Niteesh, das Patenkind meiner Eltern, besuchen. Schon in Delhi habe ich mit Pater Jose Kontakt aufgenommen, und er hat mich sofort eingeladen, einige Zeit bei ihm zu verbringen. Er holte uns persönlich in Kovalam, einem Ort in der Nähe von Thiruvananthapuram (Trivandrum), ab und brachte uns mit seinem Auto zu allererst zum Boys Home. Dort war gerade ein Volleyballspiel in vollem Gange und wir spielten natürlich mit. Die Jungs waren sehr zuvorkommend und höflich und freuten sich über den Besuch.

Während dem gemeinsamen Abendessen trugen einige von ihnen bekannte indische Lieder vor und der Pater erzählte uns von seiner Arbeit. Ins Boys Home werden Jungen aus benachteiligten und armen Familien aus verschiedene Dörfern aufgenommen. Hier erhalten sie eine solide Schulbildung und damit die Chance auf einen entsprechend guten Job. Der Kontakt zu ihrer Familie wird dabei aber nicht abgebrochen, denn unter der Woche wohnen die Jungen zwar im Boys Home, am Wochenende gehen sie aber nach Hause. Ziel des Pater ist, dass die Buben nach ihrer Zeit im Boys Home - gut ausgebildet und berufstätig - wieder in die Dörfer zurückkehren und dort ihre Familie und die anderen Dorfbewohnern unterstützen können. Der Alltag der Knaben ist ziemlich straff organisiert: Jeden Nachmittag gibt es eine Stunde Sport, nach dem Abendessen müssen sie nochmals für einige Zeit in ihre Klassenzimmer, um zu lernen und der Tag wird auch durch die Gebete strukturiert, welche einen festen Bestandteil des Lebens im Boys Home sind.

Der nächste Tag begann mit einer Yogastunde. Wir waren nun nicht mehr im Boys Home, sondern im AIDS-Spital. Neben der medizinischen Betreuung der Patientinnen und Patienten kümmern sich der Pater und sein Team auch um Kinder, deren Eltern an HIV erkrankt oder gestoben sind. Die Kinder, einige auch selber HIV-positiv, wohnen hier. Zusammen mit ihnen streckten und dehnten wir uns also an diesem Morgen und nach dem Frühstück wies uns der Pater an, ihnen etwas beizubringen und zu spielen. So standen wir nach einer knappen halben Stunde Vorbereitungszeit vor einer Klasse mit rund 20 Kindern zwischen 7-13 Jahren. Ihre anfängliche Scheu legten sie schnell ab und sangen Lieder, sagten das Alphabet auf und benannten Früchte und Tiere auf Englisch. Sie riefen alle durcheinander und wollten noch ein Lied singen und noch ein Spiel spielen und als der Pater uns nachmittags das Lepraspital zeigte, liessen sie uns nur ungern gehen.

Die Qualität der Schulbildung ist im AIDS-Spital wahrscheinlich weniger hoch als im Boys Home. Das Wichtigste ist für den Pater, den Kindern Lebensfreude und Geborgenheit zu geben. Das gelingt ihm mit der Herzlichkeit und Grosszügigkeit, mit denen er seine Schützlinge verwöhnt, sehr gut: Wer sie unbeschwert herumtollen und lachen sieht, kann sich fast nicht vorstellen, welche Schicksalsschläge sie erleiden mussten.

Auch Madeleine und ich kamen in den Genuss seiner schier grenzenlosen Gastfreundschaft und Grosszügigkeit.

Das schönste Erlebnis war aber ein Ausflug mit den Kindern des AIDS-Spitals. Zuerst fuhren wir alle mit dem Bus des Spitals zum Strand. Die wenigsten Inder gehen aber ans Meer um zu baden, so wie wir das kennen. Sie stehen meist entweder einfach mit allen Kleidern bis zu den Waden (Mutige auch bis zur Hüfte) ins Wasser oder – und das lieben die Kinder natürlich – nähern sich dem Wasser so weit wie möglich und rennen bei jeder Welle mit lautem Geschrei zurück. Phantastisch! Danach unternahmen wir noch eine kleine Bootsfahrt und nachdem sich alle mit Samosa und Tee gestärkt hatten, kam er der beste Teil des Tages: Das Riesenrad! Ein Modell, das ziemlich klapprig aussah, in der Schweiz vielleicht vor 30 Jahren gestanden hätte und sicher schon längst verboten wäre. Alle durften eine Runde mitfahren, und das Freudegeschrei der Kinder übertönte sowohl den Dieselmotor als auch meine ängstliche innere Stimme, die dringend von einer Fahrt auf diesem Ding abriet. Die Kinder rannten vom Riesenrad zur Rutschbahn, von dort zurück zu uns und dann weiter zum Autokarussell und quietschten vor Vergnügen. Als der Pater noch für alle Erdnüsse kaufte, war das Glück perfekt.

Der Abschied am nächsten Tag fiel uns schwer, obwohl wir uns auf unsere weitere Reise freuten. Niteesh schenkten wir zum Abschied ein Memoryspiel mit Motiven aus der Schweiz. Vielleicht besucht er uns ja irgendwann einmal, wer weiss?

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